Brigadier Meinrad Keller ist Kommandant der Generalstabsschule (Gst S). 56 Mitglieder und illustre Gäste sitzen aber nicht im Schulzimmer der Höheren Kaderausbildung (HKA) der Armee. Wir setzen uns mit den brennendsten Themen zur glaubwürdigen Verteidigungsfähigkeit auseinander. Der Referent nimmt kein Blatt vor den Mund. Mutig exponiert er sich und sichert sich damit die volle Aufmerksamkeit des Publikums und nicht zuletzt – was aus den Mienen entnommen werden kann – auch fast durchwegs Zustimmung. Seine Aussagen sind sehr präzise, eben doch so, wie es in der Gst S gelehrt wird.

Der Referent teilt seinen Vortrag in drei Teile auf: Geopolitische Lage 2026, Machtpolitik; die Schweizer Armee verteidigt und «Festung Schweiz». Mit einem ziemlich nostalgischen Bild eines Bergdorfes mit Wasserfall im Hintergrund, Kirche, Schulhaus und Gemeindeverwaltung, erklärt er die Schweiz zum schönsten Land der Welt, unsere Heimat. Damit dies so bleibt, stellt er fest: Ohne Investition keine Sicherheit; ohne Sicherheit kein Staat; ohne Staat keine Freiheit; ohne Freiheit keine Heimat. Es ist eine Darstellung der Sicherheit Schweiz und Br Keller fordert alle auf, diese Botschaft mit Überzeugung zu vertreten und Verantwortung zu übernehmen.

Das Bild der geopolitischen Lage 2026 zeigt die aktuellen Brennpunkte und die Richtungen, in die sich Kriege, Terrorismus und ihre Folgen verschieben. Was Globalität im Alltag bedeutet, zeigt den Weg einer Bluejeans um den ganzen Globus auf, vom Baumwollfeld bis auf den Altkleidermarkt in Afrika. Es zeigt die Abhängigkeiten der Schweiz für 70% alltäglicher Produkte. Das betrifft auch Handelsbeziehungen zu China. China und Russland sind totalitäre Systeme. Russland ist ein Unrechtsstaat, der Iran ein Terrorregime. Wir dürfen das nicht einfach so akzeptieren. Br Keller redet sich ins Feuer, überzeugend und ohne Kompromisse. Er geht auf einige Details ein. Afrika ist ein Pulverfass. Rückblickend auf das Ende des Zweiten Weltkrieges wären wir ohne Eingreifen der USA ins Kriegsgeschehen, ohne die amerikanischen Alliierten, entweder ein kommunistisches oder ein nationalsozialistisch regiertes Land, auf jeden Fall unterworfen unter ein totalitäres Regime. Diese Soldaten haben auch für unsere Freiheit gekämpft und ihr Leben gelassen. Es sind eindrückliche Bilder, die Keller uns mitgibt.

Eine Analogie der Geschichte nennt Sicherheit durch Abschreckung. Winston Churchill wird zum Mahner: Er machte aufmerksam auf die Fehleinschätzung des Aggressors, d.h. Ignorieren von Warnungen. Zögerliche Reaktion auf Aggression, d.h. die Unterschätzung der moralischen Dimension. Abhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen, d.h. verzögerte Einheit und Entschlossenheit im eigenen Land. Immer wieder warnte Churchill, seit den frühen 30er Jahren. Währenddessen setzte Premierminister Neville Chamberlain auf Appeasement und liess sich 1938 in München von Hitler einlullen. Ein Jahr später brach der 2. Weltkrieg aus, im März 1938 waren die Münchner Verträge bereits gebrochen worden. Auch heute wird erneut von vielen auf Appeasement gesetzt, ungeachtet dessen, was die Karte der geopolitischen Lage uns sagt.

Br Keller wendet sich der bewaffneten Neutralität in der Vergangenheit und in der Zukunft zu. Er zählt zehn Vorteile der Einhaltung der bewaffneten Neutralität auf. Dann holt er jedoch zu einem Vergleich aus und zeigt auf, dass Neutralität heute nicht mehr nur historische Tradition heissen kann. Wir haben das Recht, Unrecht zu verurteilen. Für unsere eigene Sicherheit braucht es internationale Kooperation über die Landesgrenze hinaus. Zum damals geheimen Grunddispositiv ZEUS 1990 gehörten 80km unterirdische Munitionskavernen mit Inhalt, 600 unterirdische Anlagen für die wirtschaftliche Landesversorgung, ein Dutzend Militärflugplätze, mehrere Militärspitäler mit insgesamt 25‘000 Betten, 4‘000 permanente Panzerhindernisse, 2‘000 permanente Sprengobjekte, 16‘000 vorbereitete Stellungen, Bunker, geschützte Unterkünfte für die Bevölkerung (Zivilschutz). Den älteren Mitgliedern kommen schier die Tränen, ihnen allen ist die Armee 65 mit ZEUS 1990 noch präsent.

Eine KI-generierte Grafik zeigt sodann mit aller Härte auf, was in den letzten Jahrzehnten ignoriert und zerstört worden ist. Das sind jetzt die Tatsachen: Ehemalige Festungsanlagen und Bunker sind verkauft worden. Sprengobjekte, Sperrbrücken, sind demontiert worden und der Sprengstoff ist deaktiviert, die Sprengkammern für immer mit Beton aufgefüllt und unbrauchbar. Für eine verteidigungsfähige Armee fehlt es an Systemen, Geräten und an Ausrüstung, von 17 Soldaten sind nur fünf wirklich einsatzbereit. Es fehlt an Personal. Im Ernstfall hätten wir nur für wenige Wochen Munition. Eine wirksame Verteidigung ist derzeit nicht möglich. Wir haben zu vieles vernachlässigt.

Im Vergleich zu anderen Staaten stehen in der Schweiz die Militärausgaben an hinterer Stelle. Die Diskussion, ob für die Armee 0.8% oder 0.7% Mehrwertsteuer eingeführt werden soll, ist eine Scheindiskussion. Wir müssen eine gut ausgerüstete und durchhaltefähige Armee haben. Als Beispiel dient die Logistik(inkl. Sanität) , wo in der Schweiz mit Investitionen von 5.5 bis 7.0 Mrd. CH . eine Wiederherstellung der ehemaligen «Festung Schweiz» entlang moderner Bedrohungsszenarien erreicht werden könnte. Bezugnehmend auf das «Schwarze Buch» von 2023, die Schweizer Armee verteidigt, könnten die Zitate ebenfalls von Churchill sein: Militärische Fähigkeiten adaptiv entwickeln, Chancen des technologischen Fortschritts nutzen, Internationale Zusammenarbeit verstärken. Das Fazit zur Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit lautet: Vorsorge durch massive Investitionen als conditio sine qua non, Logistische Festung Schweiz, Bewaffnete Neutralität UND internationale Kooperation und Erhaltung des Wertesystems der «freien Welt». Wir sind erneut aufgerüttelt worden und bei der Fragerunde und beim Apéro gehen die Diskussionen lebhaft weiter. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch wirklich über die OG Stadt Bern hinaus weitergetragen wird. Ohne Sicherheit ist alles nichts.

Four aD Ursula Bonetti

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